Pascal Raich

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Keplerstraße 61
8010 Graz

Eine schlichte Dämmplatte, das fahle Weißgrau einer Trockenbetonschicht als Überzug, der Korpus einer Nachttischlampe, ebenfalls mit Trockenbeton „emailliert“, und schließlich der ovale Spiegel, der den Betrachter bei richtiger Positionierung selbst zum Teil der Arbeit und wohl auch der Aussage macht, all dies verbindet sich zu einem schlichten, aber deshalb nicht weniger eindrucksvollen Arrangement. Die rote Acrylfarbe, gegossen und gespritzt, die aus der gekippten Lampe zu fließen scheint, evoziert wie selbstverständlich den Gedanken, dass damit wohl die Essenz des Blutes gemeint sein soll. Daraus ergibt sich eine triadische Bedeutungskonstruktion aus Licht, Blut und dem (eigenen) Spiegelbild – eine scheinbar seltsame, wenn nicht bizarre semantische Konstellation, die uns Andrea Knecht hier zur Decodierung als Interpretationsaufgabe gibt. Vor allem weil sie dem Betrachter durch sein Spiegelbild die Möglichkeit verweigert, sich aus der vielleicht nicht nur angenehmen Interpretation zu entziehen. Die indizierte Assoziation des Blutes in Verbindung mit dem (eigenen) Spiegelbild lässt den Betrachter spüren, dass er sich selbst mit der Symbolik des Blutes in Verbindung bringen muss. Hier liegen (symbolische) Indizien eines gemeinten Geschehens vor, das unter Umständen auch in uns liegt – über den Anlassfall hinaus, den Andrea Knecht der Arbeit zugrunde legte und der tatsächliche eine kriminalistische „Bluttat“ darstellte (nur soviel und nicht mehr sei hier darüber verraten!) – ein Kriminalfall, der in tragischer und gleichzeitig nicht unironischer Weise Leben, Licht und Liebe an ihre gegenteiligen Bedeutungen (Tod und Hass) bindet. Andrea Knecht und Pascal Raich Die Gemeinschaftsarbeit „Erweiterungen/Extensions“ thematisiert das paradoxe Moment des Lichtes als todbringendes Phänomen in Form einer variablen Montage elektrischer Insektenvernichter- Lampen. In der Funktionalisierung der Lichtquelle als verführerisches und trügerisches Anziehungsobjekt für Insekten, die schließlich durch applizierte Heizspiralen getötet werden, verwirklicht sich auf technisch- profane und pragmatische Art und Weise das Wissen um die potentielle Ambivalenz des Lichtes. Wer dem Ausstrahlungsbereich von Lichtquellen (ob in konkretem oder metaphorischem Sinne) zu nahe kommt, wird Opfer seines Begehrens – der griechische Mythos des Ikarus, der durch seinen menschlichen Frevel der Sonne zu nahe kam, erzählt und mahnt uns daran, dass der menschliche Traum – immer dem „Licht“ entgegenzustreben – vor den Göttern als Anmaßung und Frevel erscheint und dass sie uns dann, uns lichtsüchtige Insekten, den Tod durch eben dieses Licht als Bestrafung des menschlichen Hochmuts bringen. Zentral aber erscheint nicht nur diese Metaphorik einer todbringenden Lichtquelle sondern auch das durchgehende „Spiel“ mit Verfremdungen und Bedeutungsinversionen dieser technischen Readymades. Seriell zu einem Stab, einem sechsarmigen Lichtstern oder einem gehöhlten Kubus verbunden, werden die Lampen ihrer bloß utilitären Effizienz entfremdet und als ästhetische Gebilde erfahrbar – nicht zuletzt auch durch ihre Beschichtung mit einer Neonlack-Farbe, die die Lampen nun zwischen pink und rotviolett changieren lässt. Vollständig unterlaufen wird die ursprüngliche Funktionalität der Insektenvernichter jedoch durch den Einsatz der Spiegel – diese defunktionalisieren den Tötungseffekt. Während das ursprüngliche Licht, d. h. die Lichtquelle selbst, ein zum Tode führendes Phänomen darstellt, erweist sich gerade das Spiegelbild, d. h. das Unechte, das eigentlich Trügerische, als eine ungefährliche Kopie und Verdoppelung. Der bloße Schein von etwas ist ungefährlich, während das Original, das Echte, auch das Unheil heraufbeschwört. In diesem Sinne könnte man die Lampen-Extensionen im Spiegel als eine gelungene Metapher für die Postmoderne lesen: Der Schein, das Spiegelbild, das Double, die Kopie, das „Simulacrum“ (die Simulation) – sie sind oft ungefährlicher als ihre Originale!